Die alte Kirche von Bleichstetten

 

 

1102: Die erste Erwähnung von Bleichstetten

Erstmals urkundlich erwähnt wird Bleichstetten im Jahre 1102, als am 6. April dieses Jahres ein Eberhardt von Metzingen mit seiner Frau Richinza dem Kloster Allerheiligen in Schaffhausen das ganze Dorf samt den Einwohnern und der zugehörigen Markung (mit allen Zubehörden) schenkt.

Der äußere Anlass hierzu war damals der, dass der Sohn Adelbert dieses Schenkers, Abt in diesem Kloster war. Einen weiteren Anlass erfährt man aus dem Inhalt der Urkunde; der Schenker war um sein Seelenheil und auch um das von all seinen Verwandten sehr besorgt.

 

Die Urkunde von 1102

Eberhard von Metzingen gibt das Dorf Bleichstetten samt seiner Markung aus der Hand seiner Frau Richinza ans Kloster Allerheiligen in Schaffhausen, wo sein Sohn Adalbert seit 1099 Abt ist.

 

 

                      >> Übersetzung der Urkunde von 1102:

 

 

 

Die Herren von Metzingen

Im Jahre 1102 schenkte also nach dieser Urkunde ein Eberhard von Metzingen ganz Bleichstetten mit aller Zubehörde, samt den Einwohnern und mit der ganzen Markung, dem Kloster Allerheiligen in Schaffhausen. Fast 290 Jahre lang gehörte Bleichstetten dann zu diesem Kloster. Erst 1390 verkaufte das Kloster Allerheiligen die Markung und das Dorf Bleichstetten an das Kloster (später Kartause) Güterstein bei Urach. Bleichstetten hatte damit ab 1390 wieder - wie vor 1102 - Lehens-Herren, die in seiner unmittelbaren Nähe waren. Die jährlich zu liefernden Abgaben blieben nun ganz in der Nähe.

Zu diesem Vorgang von 1102 tauchen unwillkürlich 2 Fragen auf:

1. Wer war dieser Eberhard von Metzingen, der es sich damals leisten konnte, einen solch großen Besitz von ca. 360 ha einfach zu verschenken?

2. Was war die Ursache, dass er diese Schenkung ausgerechnet an ein so weit entferntes Kloster machte? Hätte es doch damals genügend näher liegende Klöster, wie z. B. das in Zwiefalten gegeben, die für sein Seelenheil genauso hätten bitten können? Kamen damals doch viele Flächen und Orte in der Nähe von Bleichstetten zum nahen Kloster Zwiefalten.

 

 

Der Eintrag über das Nikolaus Patrozinium im Gächinger Seelbüchlein von 1404:

"Mit d Vlll Idribus) Nicolay Epy c(on)fercio(nis) Est patrociniu(m) in Blaichsteite(n) ibid(em) no(strum) celebra(n)t(is) Divino". Übersetzung: Am 8. Iden (6.12.) dem Tag des Bischofs Nikolaus, der Patron (der Kirche) in Bleichstetten ist, versammeln wir uns ebendort zu einem feierlichen Gottesdienst. Lit.: HstAS, A 414, Bü.3c

 

 

Um 1102 Nikolauskirche und Pfarrer in Bleichstetten

Das alte Kirchlein mit Sakristei vor dem Abbruch 1951

Erst die Zeiten des Investiturstreits und der sich dabei auch in unserem Raum bildenden Fronten, hat Bleichstetten um 1100 scheinbar doch noch - wenn auch nur für ca. 150 Jahre - eine eigene Kirche, oder Kapelle samt einem örtlichen Pfarrer gebracht. Vermutlich wurde diese Kirche bald nach 1102 durch das Kloster Allerheiligen eingerichtet. Die alte, 1952 abgebrochene Kirche in Bleichstetten war nach den allerneuesten Ermittlungen dem heiligen Sankt Nikolaus geweiht*'. Deren Kirchweih wurde alljährlich am Sonntag vor St. Gallus (16. 10.) gefeiert*2. Wegen dieses Kirchweihtermins wurde bis in die neuere Zeit fälschlicherweise angenommen, dass die alte Bleichstetter Kirche eine Galluskirche sei. Dies wurde nun durch die Entdeckung des Nikolaus-Patrozinium ins richtige Lot gerückt. Solche Nikolauskirchen oder -kapellen wurden um 1100 vielerorts von den Anhängern der päpstlichen Reformpartei neu eingerichtet. So in Odenwaldstetten, Huldstetten, Kohlberg, Gutenberg, Mittelstadt, auf dem Jusi oder auf der Burg Sperberseck, um nur etliche aus der allernächsten Nähe zu nennen. Nach den Aufschrieben in den Würtinger Pfarrei-Akten, und nach der Beschreibung des Oberamts Urach von 1909, geht das Alter des 1951 abgebrochenen Bleichstetter Kirchturms in die Zeit um 1100 zurück.

 

*1 Bei einem Anstößergrundstück an eine Wiese im Brühl, die dem Heiligen (Kirche) gehörte, heißt es 1555: "Stoßt an den Heiligen St. Nikolaus", womit nur die Bleichstetter Kirche gemeint sein konnte. Im Gächinger Seelbüchlein von 1404, ist am 6. 12., dem Tag des Bischofs St. Nikolaus vermerkt: "Est patrocinium in Blaichstetten" (das heißt: St. Nikolaus, ist Patron der Kirche in Bleichstetten).

*2 Ebendort heißt es: "dominicia proxima ante Galli est dedicatio in Blaichstetten" (am Sonntag vor St. Gallus [16.10] ist Kirchweih in Bleichstetten.)

 

 

 

 

Es ist darum anzunehmen, dass das Reformkloster Allerheiligen in seinem Dorf Bleichstetten bald nach 1102 in Sachen geistlicher Betreuung die Dinge rasch geordnet hat und dort für eine Kirche oder Kapelle samt einem Pfarrer aus seiner politischen Richtung gesorgt hat. Wahrscheinlich hatte das Umfeld Bleichstettens um 1102 eine Obrigkeit, die nicht, wie das Kloster Allerheiligen, päpstlich gesinnt war (die Grafen von Urach?), weshalb das Kloster betreffs Kirche und Pfarrei hier einen Handlungsbedarf sah.

Als sich dann Württemberg um 1265 in diesem Raum breit machte, wird Bleichstetten wohl wieder dem Kirchspiel zugeordnet worden sein. Durch das Wormser Konkordat von 1122 waren die religiösen Gegensätze im Reich allmählich abgebaut worden und das weit entfernte Kloster hatte wohl mehr und mehr mit sich selbst zu kämpfen. In dieser Hinsicht konnte darum Württemberg nach 1265 in Bleichstetten in Sachen Kirche und Pfarrei ohne weiteres wieder die alten Zustände von vor 1102 einführen und Bleichstetten wieder der Pfarrei Gächingen zuordnen. Mit dem 1331 in Bleichstetten zinseinnehmenden Pfarrer ist wohl bereits wieder der Gächinger Pfarrer zu verstehen. Einziger Fragepunkt ob dieser frühen Kirche mit Pfarrei ist nur der, wo von 1102 - 1265 die Bleichstetter Toten bestattet worden sind. Wenn es hier um 1100 - 1250 einen Pfarrer gegeben hat, so müssten auch die Toten hier bei der Kirche bestattet worden sein. Scheinbar ist man aber bei Ausschachtungen im Ortszentrum Bleichstettens bei der alten Kirche nie auf Gerippe gestoßen (oder hat man dem keine Beachtung geschenkt?). Hier ist noch ein Forschungsbedarf aufzuweisen, bis diese Sache endgültig geklärt werden kann.

Es kann aber gesagt werden: Die Kirche in Bleichstetten ist vermutlich bald nach 1102 gebaut worden. Sie wurde dem Heiligen Sankt Nikolaus geweiht und an einem Sonntag vor Sankt Gallus (16. 10.) eingeweiht. Auch scheint sie, wie schon erwähnt, über einen Zeitraum von etwa 150 Jahren nach ihrer Einrichtung sogar einen eigenen Pfarrer gehabt zu haben.

Vor 1102 hatte Bleichstetten aber noch keine eigene Kirche, weil diese in der Urkunde von damals, in der ja die ganze Markung mit allem Zubehör übergeben wurde, sonst auch mit erwähnt worden wäre.

 

1555 zur Pfarrei Würtingen

Abbruch der Kirche 1951

Nach 1265 verblieb Bleichstetten fast 300 Jahre lang bei der Pfarrei Gächingen. Am Sonntag Quasimodogeniti 1555 wurde Bleichstetten dann auf obrigkeitlichen Befehl der Pfarrei Würtingen zugewiesen. Der Widumhof in Bleichstetten, der bis

dahin zur Pfarrei Gächingen gehört hat, ist nach 1534 von der Geistlichen Verwaltung in Urach eingezogen worden. Das Gächinger Seelbuch aus dem Jahre 1404, das als Kalendarium auf Pergament geschrieben und heute noch im Hauptstaatsarchiv Stuttgart lagert, gibt einen tiefen Einblick in das Seelenleben der Bewohner vieler Kirchspielorte. 1555, als Bleichstetten bereits nach Würtingen eingepfarrt war, heißt es in den Lagerbüchern: "Zu Blaichstetten hat es keine Pfarr, sondern die Inwohner gehören lebend oder todt an die Pfarrei gen Würtingen. Gleichermaßen hat es zu Blaichstetten eine Kirch, worinnen von einem Pfarrer zu Würtingen von 14 Tag zu 14 Tag eine Sonntagspredigt zu Blaichstetten gethan wirdt". Diese Gottesdienste in Bleichstetten waren nachmittags um 13 Uhr. Der Pfarrer schreibt 1827 darüber, weil die Bleichstetter alle auch am Vormittag zum Gottesdienst nach Würtingen kämen, könne er ihnen deshalb am Nachmittag nicht nochmals dieselbe Predigt halten. Er müsse deshalb alle 2 Wochen Sonntags 2 Predigten halten, was in Württemberg wohl einmalig sei. 1833 heißt es dann, dass ab jetzt jeden Sonntag Gottesdienst in Bleichstetten sei. Hierzu musste der Pfarrer mit einem Fuhrwerk abgeholt und wieder zurückgebracht werden.Ab 1833 gingen die Bleichstetter nur hier im Ort zum Gottesdienst.

 

1873 los von Würtingen

Erst 1873 wurde die Kirchengemeinde Bleichstetten völlig von der Mutterkirche in Würtingen getrennt, nachdem schon 1851 ein eigener Friedhof hier eingerichtet worden war. Erst ab jetzt musste sich Bleichstetten nicht mehr an den Reparaturen oder Umbauten, wie an der Orgel, den Glocken, dem Gestühl oder an der Friedhofsmauer an der Würtinger Kirche beteiligen. Einen eigenen Heiligen-Pfleger, der das Kirchenvermögen verwaltete, hat Bleichstetten aber schon vor 1555 gehabt.

Die Bleichstetter mussten sich an den Renovierungsarbeiten der Kirche und an dem Friedhof in Würtingen stets im Verhältnis der Seelenzahlen beteiligen. Als aber die Bleichstetter 1709/10 und 1774 selbst viele Geldmittel in ihre eigene Kirche investiert hatten, klappte das bisherige gute Einvernehmen mit den Würtingern in dieser Sache nicht mehr so richtig. Ab 1833, als der Pfarrer gar jeden Sonntag zum Predigen nach Bleichstetten kam, wollte man sich hier nur noch an den Friedhofsreparaturen und an den Pfarreraufzugskosten beteiligen. Die Orgel und die Kosten für das Geläut werde doch aus den Opfern finanziert, das bei den Beerdigungen ja allein von den Würtingern einkassiert werde, so argumentierte man hier und bekam von der Obrigkeit damit teils auch recht. Nach der Loslösung von der Mutterkirche im Jahre 1873 verband nur noch der gemeinsame Pfarrer die Bleichstetter Kirche mit Würtingen.

Alljährlich musste der Heilige von Bleichstetten dem Pfarrer in Würtingen eine "Neujahrsverehrung" mit 24 Kreuzer reichen. Für das Waschen des Chorhemds, waren jährlich noch weitere 48 Kreuzer zu geben. Diese Abgaben waren im ganzen Land üblich und uralt. Sie wurden von der Obrigkeit in den Gehalt des Pfarrers schon im voraus mit einberechnet. Sie haben aber absolut nichts mit Schmiergeldern oder Ähnlichem zu tun.

 

Die Kirchenstühle in Würtingen

Die Kirchenstühle in Würtingen

Weil in der Würtinger Kirche die Plätze immer sehr beengt waren, wurden die Kirchenstühle nach altem Herkommen nummeriert und den Leuten gegen eine Geldzahlung zugewiesen. Diese Nummerierung wurde in Büchern festgehalten. Wurde ein Kirchenstuhl durch einen Todesfall frei, so fiel er dem nächsten Nachkommen zu. War kein solcher da, wurde er versteigert. 1 bis 21/2 Gulden kostete in der Regel ein solch freier Kirchenstuhl. Die vorderen Plätze an den Gängen kosteten doppelt so viel, wie die hinteren Plätze an der Mauer. Je näher die Bänke beim Altar standen, je teurer waren sie. Die vordersten Plätze waren der Ehrbarkeit, wie dem Oberschultheiß, dem Bleichstetter Schultheiß, den Richtern, dem Schulmeister und den St. Johanner Förstern reserviert. Ebenso ein Stuhl der Frau des Pfarrers, einer der Frau des Schultheißen und ein weiterer der Frau des Schulmeisters. Die Plätze auf den Emporen und die Frauenstühle kosteten 24 bis 48 Kreuzer. Den Bleichstetter Männern waren 16 Stühle auf der unteren Emporekirche auf der Seite gegen den Kirchhof zugewiesen. Als 1777 ein Platz der Würtinger auf der unteren Emporekirche gegen St. Johann frei wurde, der vorher 24 Kreuzer gekostet hatte, kaufte ihn Michael Wagner, Lammwirt, von Bleichstetten, um 2 Gulden also um den 5fachen Preis. Dieser Lammwirt hatte als Zugezogener vorher keinen eigenen Platz gehabt. Die Bleichstetter Frauen saßen in den "Unteren Stühlen gegen St. Johann" von der 3. bis zur 5. Reihe. In der 3. Reihe saßen die Frauen der fünf reichsten Bauern, vorne am Gang die Schultheißin und hinten an der Wand, als 6. die Frau des Provisors. In der 4. Reihe saßen die Frauen der mittleren Klasse und in der 5. Reihe die der ärmeren Familien. Jeden 2. Sonntag, wenn auch in Bleichstetten Gottesdienst war, durften die Würtinger die Bleichstetter Kirchenstühle, sofern sie frei waren, mitbenützen. Nach 1833, als in Bleichstetten jeden Sonntag Gottesdienst war, waren den Bleichstettern in Würtingen nur noch 5 Kirchenstühle reserviert, nämlich für die Schultheißen- und Schulmeisterehepaare, sowie für den Heiligenpfleger.

 

Die Emporebilder in Würtingen

Beim Neubau der Würtinger Kirche im Jahre 1757 wurden die Emporebilder aus der alten Kirche wieder in die neue Empore-Brüstung eingesetzt. 10 Männer aus Bleichstetten hatten 6 der 12 Apostel-Bilder an dieser Brüstung vor ihren Sitzplätzen "auf der Friedhofseite" malen lassen. Dort, hinter diesen Bildern, waren den Bleichstetter Männern ihre Kirchenstühle reserviert worden. Die Bilder und ihre Stifter sind (ab der Südmauer) :

Bilder der alten Kirche

 

                                              Quelle: Heimatbuch Bleichstetten

                                              Herausgegeben

                                              anlässlich der 900-Jahr-Feier

                                              von St.Johann-Bleichstetten

 

                                              April 2002

 

Das Kircheninnere der der alten Kirche

Orgel bereits abgebaut

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